„Mit Messgeräten auf den Spielplatz“

This post was originally published in 2012. The tips and techniques explained may be outdated.

Japanische Anti-Atom-Aktivistin

Makiko Hayashi-Witolla ist Japanerin und lebt in Luxemburg. Welche Auswirkungen der Tsunami vom März 2011 und ihre Katastrophe von Fukushima auf ihre Heimat hat, erfährt sie auch ein Jahr danach hautnah: Ihre Familie und Freunde, die in Nagoya (rund 400 Kilometer von Fukushima entfernt) leben, müssen mit einem völlig neuen Alltag umgehen. Ich hatte die Gelegenheit, mit Makiko Hayashi-Witolla zu sprechen.

 

Frau Hayashi-Witolla, die Ereignisse am 11. März 2011 haben nicht nur Japan, sondern die ganze Welt erschüttert. Nun ist das Desaster ein Jahr her. Es scheint fast, als ob die Welt wieder „zur Normalität“ übergegangen ist. Wie sieht es heute in Japan aus? 

 

Nichts mehr ist so, wie es mal war. Die Menschen sind unsicher geworden. Kinder können nicht mehr einfach so in Pfützen oder Sandkästen spielen und gehen mit Messgeräten raus zum Spielplatz. Schon die Kleinen wissen, dass sie nach Hause müssen, weil die Strahlung bestimmte Werte erreicht oder wenn der Regen kommt. Und auch bei so täglichen Dingen wie dem Einkaufen ist man unsicher. Viele Menschen fragen sich zum Beispiel, was sie noch bedenkenlos kaufen oder essen können. Natürlich versucht man, zum Beispiel durch Zertifikate zu belegen, dass viele Lebensmittel ohne Bedenken gekauft werden können. Aber die Angst, Lebensmittel aus dem Osten von Japan könnten radioaktiv verseucht sein, ist trotzdem groß. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Japaner, die sich mit der Region solidarisieren und genau solche Produkte kaufen. Was zur Verunsicherung außerdem beiträgt, sind die vielen Berichte der Medien im Ausland. Da kann man fast glauben, Japan ist irgendwie abgeschrieben und die Menschen eh kontaminiert. Das schürt natürlich weitere Ängste. Man kann sagen, der Tsunami und das große Beben sind die eine Katastrophe. Die Unsicherheit, in der meine Familie und Freunde jetzt leben müssen, ist die zweite.

Makiko Hayashi-Witolla

Makiko Hayashi-Witolla

 

Und wirkt sich diese Unsicherheit auch auf das Thema Energieversorgung aus? Heute sind 52 der 54 Reaktorblöcke Japans stillgelegt – und das obwohl das Land vor der Katastrophe in Fukushima überzeugt war, nicht ohne Kernenergie auskommen zu können. Offensichtlich hat sich hier das Denken verändert?

 

Also wenn ich ehrlich bin, dann haben weder ich noch meine Familie vor dem Desaster über Energie weiter nachgedacht. Sie war einfach da. Natürlich weiß jeder in Japan, dass die Rohstoffe Kohle und Öl endlich sind. Aber man hat das Gefühl, dass die Japaner jetzt erst anfangen, über Energie bewusst nachzudenken. Und auch darüber, welche Energien man eigentlich so nutzt, auch weil die Angst vor Atomkraft seit dem Beben schon zunimmt. Wir wissen, dass es eigentlich keine Alternative zu erneuerbaren Energien gibt. Vor Fukushima galten regenerative Energien bloß als ergänzende Stromquellen. Heute glauben ganz viele in Japan, dass sie tatsächlich zu unseren Hauptenergielieferanten werden können. Wir werden uns mit Wind-, Wasser- und Sonnenkraft noch intensiver auseinandersetzen – ähnlich wie Deutschland es seit Jahren tut. Ich hoffe, dass wir uns bei der regenerativen Energieerzeugung von Deutschland inspirieren lassen. 

 

Die Voraussetzungen für erneuerbare Energien sind ja auch gut für Japan, wenn man sich zum Beispiel Einstrahlungswerte oder die Bedingungen für Windkraft anschaut. Aber wie muss man sich das heute vorstellen: Was wird denn jetzt ganz konkret im Hinblick auf die Energieversorgung unternommen?



Dass jetzt überall Windräder in der Landschaft installiert werden oder dass auf jedes Hausdach eine Solaranlage kommt, ist noch nicht der Fall. Noch nicht. Dafür werden aber andere Maßnahmen ergriffen. Überall gibt es Aufrufe, um effizienter mit seinem Energieverbrauch umzugehen, Müll zu vermeiden und sich den Umgang mit unseren Ressourcen bewusster zu machen. Ladenbesitzer schalten zum Beispiel ihre Leuchtschilder in den Außenfassaden ab und sparen auch in den Läden selbst Strom. Das Thema Energieeffizienz ist aber im Grunde nichts Neues für uns. Japanische Technik, also zum Beispiel DVD-Player, TV-Geräte, Kühlschränke, Waschmaschinen aber auch Autos und große Maschinen, gilt ja als besonders energieeffizient, weil wir schon Ende der 90er Jahre die ersten Energieeffizienzprogramme aufgelegt haben, um so durch moderne Technik den Stromverbrauch zu senken. Es passiert also tatsächlich was in Japan, auch wenn es bis jetzt noch kleine Schritte sind. Bei aller Verunsicherung habe ich jetzt Hoffnung. Einfach weil das Bewusstsein, dass wir unsere Energieversorgung ändern müssen, endlich da ist. Wir wissen: Unsere Energie muss sicher und nutzbar für uns sein, aber vor allem darf sie uns nie wieder schaden.

 

Frau Hayashi-Witolla, vielen Dank für das Gespräch.
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